Rheinische Landesbibliothek in Koblenz

Die ersten zehn Jahre (1987 - 1997)

von Dr. Ernst-Ludwig Berz


Der Aufsatz ist entnommen aus: De officio bibliothecarii - Beiträge zur Bibliothekspraxis. Hans Limburg zum 65. Geburtstag gewidmet. - Hrsg. von Gernot Gabel. - Köln: Greven, 1998. - 265 S.
Wenn Gotthold Ephraim Lessing in seinem ersten Beitrag "Zur Geschichte und Literatur" bemerkte: "Die meisten Bibliotheken sind entstanden: nur wenige sind angelegt worden" (1), so zählt die Rheinische Landesbibliothek in Koblenz zu diesen wenigen. Das Urteil über ihre "Geflissenheit" (2) - so Lessing über Wolfenbüttel - müssen im Falle der Rheinischen Landesbibliothek die Benutzerinnen und Benutzer allerdings erst im Laufe der Jahre fällen.
Während die Bibliotheksneugründungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland fast ausschließlich institutsbezogen waren (meist Hochschulbibliotheken), entstand mit der Rheinischen Landesbibliothek in Koblenz eine selbständige Einrichtung mit definierten Mehrfachfunktionen. Solche Bibliotheken können, wenn sie zentral liegen und über Leitungsnetze für jeden zugänglich sind, eine wesentlich größere Effizienz erzielen, als Einrichtungen mit nur einer Aufgabenstellung (3). Dieser Aspekt wird in den kommenden Jahren sicher noch bei zahlreichen Entscheidungen eine Rolle spielen.
Freilich standen lange Zeit die Hochschulbibliotheken im Mittelpunkt bibliothekarischer und politischer Interessen (4), aber sehr wahrscheinlich wandelt sich - in Anbetracht der neuartigen elektronischen Formen des Publizierens und der Verbreitung von Informationen über Netze - der Begriff und die Institution "Bibliothek" sehr bald wieder. Da der Einsatz dieser neuen Medien in seiner Bedeutung kulturhistorisch sicher mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist, werden die Veränderungen auch und insbesondere für Bibliotheken entsprechend tiefgreifend sein. Insofern war die Errichtung der Rheinischen Landesbibliothek bezüglich ihrer Aufgabenstellung und ihrer Rechtsform zukunftsweisend und - wie die Benutzungszahlen zeigen - richtig und notwendig (5). Die Bibliothek selbst hat aber auch diese günstige Ausgangslage von Anfang an als große Chance verstanden und sie konsequent für die Bevölkerung der gesamten Region - und nicht nur des näheren Einzugsbereiches - genutzt.
Obwohl das Gebiet um Koblenz mit zu den älteren Kulturlandschaften in Deutschland zählt (6), wurden weder die Publikationen aus und über diese Region noch bedeutendere Buchbestände für wissenschaftliches Arbeiten jemals in einer größeren Bibliothek zusammengetragen und aufbewahrt.
Erst spät, nämlich 1827, kam es zur Gründung einer Stadtbibliothek in Koblenz (7), die ihre Bestände - gemäß des Gründungsaufrufes des damaligen Oberbürgermeisters - vornehmlich aus Spenden der Bürgerschaft erhielt. Als ihre wichtigeste Aufgabe betrachtete sie es, Schriften zu sammeln, die "die örtlichen Verhältnisse behandeln, dann die Geschichte und Landeskunde der Rheinlande zu pflegen" (8). Im Laufe ihrer Geschichte (9), insbesondere aber nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich die Stadtbibliothek Koblenz für die Bevölkerung der Region Aufgaben einer Einheitsbücherei (Public Library) zu erfüllen. Freilich setzten die finanziellen Möglich-keiten einer Kommune mittlerer Größe diesen Bestrebungen stets enge Grenzen.
Das nach dem Kriege neu geschaffene Land Rheinland-Pfalz stand nach der ersten Wiederaufbauphase vor der Aufgabe, die geschichtlich sehr unterschiedlich gewachsenen Landesteile möglichst gleichmäßig mit wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen zu versorgen und bereits vorhandene Einrichtungen so zu reorganisieren, daß sie die wisssenschaftlichen und technischen Anforderungen und die kulturellen Aufgaben in ihrem neu festgelegten Einzugsgebiet erfüllen können.
Eine Analyse des Kultusministeriums (10) führte dabei zu der Feststellung, daß im gesamten Regierungsbezirk Koblenz weder eine leistungsfähige Hochschulbibliothek noch eine für Bevölkerung, Wirtschaft und Verwaltung allgemein zugängliche wissenschaftliche Bibliothek vorhanden war. Die daraus entstandenen erheblichen Defizite bei der wissenschaftlichen Literaturversorgung verschärften sich ab Mitte der achtziger Jahre, insbesondere auch durch die Schaffung neuer Studienangebote an der damaligen Erziehungswissenschaftlichen Hochschule (11) und der Koblenzer Fachhochschulabteilung sowie der Gründung der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU), zunächst in Koblenz später im nahegelegenen Vallendar.
Die Landespolitik (12) griff dieses Problem auf und es reifte der Plan, in Koblenz - erstmals im Lande Rheinland-Pfalz - eine Bibliothek mit definierten Mehrfachfunktionen zu errichten. So konnte die damalige Landesregierung am 28.02.1986 im Rahmen einer Antwort auf eine große Anfrage zu "Bibliotheken und Büchereien in Rheinland-Pfalz" im Landtag (13) u. a. antworten:
"...Lediglich im Regierungsbezirk Koblenz ist bisher keine den Einrichtungen in den übrigen Landesteilen vergleichbare allgemeine wissenschaftliche Bibliothek vorhanden. Die Landesregierung wird deshalb 1987 in Koblenz eine Landesbibliothek errichten. Zu den wesentlichen Aufgaben dieser neuen Einrichtung wird es gehören, den wissenschaftlichen Literatur bedarf der Bevölkerung, der Wirtschaftsbetriebe sowie der wissenschaft lichen und schulischen Einrichtungen im Regierungsbezirk Koblenz zu decken. Für den Leihverkehr in der zuständigen Leihverkehrsregion wird sie die Aufgaben einer Leitbibliothek für das Stadtgebiet Koblenz und den Regierungsbezirk Koblenz übernehmen. Es ist außerdem beab sichtigt, der Landes- und Hochschulbibliothek Koblenz für dieses Gebiet die Aufgaben einer Pflichtexemplarbibliothek im Sinne des § 12 des Landespressegesetzes zu übertragen. Sie wird damit alle im Regierungs bezirk Koblenz erscheinenden Druckwerke zu erfassen, zu erschließen und bereitzustellen haben.
Die Aufgaben entsprechen insoweit denen der vom Land getragenen für dessen Südteil zuständigen Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer. Die neue Landesbibliothek soll außerdem zentrale Aufgaben der Bibliothek der Abteilung Koblenz der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz einschl. der Pädagogischen Zentralbibliothek und der Abteilung Koblenz der Bibliothek der Fachhochschule des Landes Rheinland-Pfalz übernehmen. Auch der wissenschaftliche Teil der Stadtbibliothek kann einbezogen werden; die Verhandlungen mit der Stadt Koblenz sind noch nicht abgeschlossen."
Die folgenden Monate waren ausgefüllt mit den verwaltungsinternen Vorbereitungen für diese Bibliotheksneugründung, der Aufnahme eines eigenen neuen Kapitels in den Haushaltsplan 1987 des Kultusministeriums sowie der Suche nach einem geeigneten Standort in Koblenz.
Nachdem kurz zuvor das Bundesarchiv seinen gerade errichteten Neubau im Koblenzer Stadtteil Karthause beziehen konnte, wurde glücklicherweise ein größerer Gebäudekomplex im Stadtzentrum frei. Die Landesregierung entschloß sich zur Anmietung eines Teiles dieses Gebäudekomplexes, der allerdings für Bibliothekszwecke erst umgebaut werden mußte.
Zwischenzeitlich konnten auch die Verhandlungen mit der Stadt Koblenz zur "übernahme von wissenschaftlicher Literatur aus den Beständen der Stadtbibliothek Koblenz" abgeschlossen werden (14). Nach dieser Vereinbarung verzichtet die Stadt Koblenz darauf, künftig den wissenschaftlichen Literaturbedarf für die Stadt und die Region zu decken und überträgt dem Land Rheinland-Pfalz den gesamten wissenschaftlichen Buchbestand sowie die bibliographischen Werke der Stadtbibliothek Koblenz als Dauerleihgabe für die zu errichtende Landesbibliothek Koblenz. - Ausgenommen von dieser Regelung waren u. a. Publikationen und Quellen zur Stadtgeschichte von Koblenz sowie das Görres-Archiv. Diese Vereinbarung ist gültig, solange die Landesbibliothek in der Trägerschaft des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz besteht. - Die praktische Umsetzung dieser "Vereinbarung" erwies sich allerdings im Nachhinein aus vielerlei Gründen wesentlich problematischer als zunächst geplant. Insgesamt wurden etwa 111.000 Bände aus der Stadtbibliothek Koblenz ausgegliedert, die zum größten Teil heute zum Bestand der Rheinischen Landesbibliothek gehören (15).
Nachdem ein Gebäude gefunden, Haushaltsmittel bereitgestellt und ein Teil der rechtlich-organisatorischen Voraussetzungen geschaffen waren, bemühte man sich auch um einen Gründungsdirektor (16).
Die Gründung der Rheinischen Landesbibliothek selbst erfolgte dann durch Errichtungserlaß des Kultusministeriums am 11. Mai 1987 (17)
"Als Einrichtung des Landes Rheinland-Pfalz und in dessen Trägerschaft wird für das Gebiet des Regierungsbezirks Koblenz die Rheinische Landes bibliothek Koblenz als allgemeine wissenschaftliche Bibliothek errichtet. Sie hat ihren Sitz in Koblenz, Dienstgebäude Hohenfelder Straße 16. Sie unter steht der Aufsicht des Kultusministeriums Rheinland-Pfalz.
Die Rheinische Landesbibliothek Koblenz wird folgende Aufgaben wahrnehmen:

- Versorgung der Bevölkerung, der kulturellen Einrichtungen, Wirtschaftsbetriebe und Behörden mit wissenschaftlicher Literatur,
- Aufgaben einer Zentralbibliothek für die Hochschuleinrichtungen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz gemäß den besonderen hochschulrechtlichen Vorschriften,
- Leitbibliothek für den überregionalen Leihverkehr und Beteiligung am EDV- Katalogisierungsverbund,
- Gesamtkatalog aller bibliothekarischen Einrichtungen in Koblenz,
- Pädagogische Zentralbibliothek für das Land Rheinland-Pfalz.
- Der Zeitpunkt der Eröffnung für die Benutzer wird nach Abschluß der Aufbau- und Einrichtungsarbeiten, der Zeitpunkt der Aufnahme der genannten besonderen Aufgaben wird nach Inkrafttreten der jeweiligen Rechtsgrundlagen besonders bestimmt werden."
Praktisch begann die Aufbauarbeit (18) mit dem Dienstantritt des Verfassers in Koblenz am 15. Juli 1987.
Da das vorgesehene Dienstgebäude aber noch nicht bezugsfähig war, wurde zunächst eine leerstehende Fabrikhalle angemietet, in der sofort mit den Aufbauarbeiten begonnen wurde. Im Gründungsjahr konnten dann weitere vier Mitarbeiter eingestellt werden. Schwerpunkte in der täglichen Arbeit waren die Umbauplanungen für das vorgesehene Dienstgebäude, die Beschaffung von Mobiliar, Geräten und Bücherregalen sowie zunächst die übernahme von laufenden Zeitschriftenabonnements aus der Stadtbibliothek Koblenz und das Einrichten von ersten Teilen eines Geschäftsganges bzw. von notwendigen Verwaltungstätigkeiten.
Um die Jahreswende 1987/88 konnte die damalige "Pädagogische Zentralbibliothek Rheinland-Pfalz", die sich zu dieser Zeit im früheren Marstall des alten kurfürstlichen Schlosses im rechtsrheinischen Ehrenbreitstein befand, in die Rheinische Landesbibliothek eingegliedert werden. In die "Fabrikhalle" kamen somit in wenigen Tagen 67.441 Bände(19), erschlossen durch einen Alphabetischen Katalog (Preußische Instruktionen) und einen Systematischen Katalog (hauseigene Systematik), vier Mitarbeiter und entsprechendes Mobiliar (20). - Diese seit den dreißiger Jahren (21) in Koblenz bestehende Spezialbibliothek (23) leihverkehrstechnisch ein Teil des Zentralkataloges Baden-Württemberg, Rheinhessen (24) ein Teil des Hessischen Zentralkataloges und der Regierungsbezirk Trier ein Teil des Zentralkataloges Nordrhein-Westfalen. An dieser Zuordnung hielt man dann auch fest, als die Zentralkataloge sich schrittweise zu automatisierten Bibliotheksverarbeitungsverbünden weiterentwickelten.
Der Regierungsbezirk Koblenz gehörte zwar leihverkehrstechnisch damals - wie auch Rhein-hessen - zum Hessischen Zentralkatalog, aber keine Bibliothek in dieser Region war bislang Teilnehmer am damaligen Hessischen Bibliotheksinformationssystem HEBIS. Die Rheinische Landesbibliothek war daher die erste Bibliothek im Regierungsbezirk Koblenz, die Teilnehmer an einem bibliothekarischen Verarbeitungsverbund werden würde.
Da insbesondere im nördlichen Teil des Regierungsbezirks Koblenz die alten kulturellen Bindungen in den Köln-Bonner-Raum deutlich spürbar sind und das Land Rheinland-Pfalz ohnehin schon für den Regierungsbezirk Trier, namentlich durch die Universitätsbibliothek Trier, Teilnehmer am Nordrhein-westfälischen Bibliotheksverbund war, lag es auf der Hand auch für Koblenz einen Anschluß an diesen Verbund in Erwägung zu ziehen. Der Nordrhein-westfälische Bibliothkesverbund bot zu diesem Zeitpunkt (1988) die Gewähr, der im Aufbau befindlichen neuen Bibliothek in Koblenz Fremdleistungen in größerem Umfange zur Verfügung stellen zu können. Dieses Kriterium mußte damals natürlich bei der Entscheidungsfindung eindeutig im Vordergrund stehen, da in nur zwei Jahren mit damals gut 20 Mitarbeitern eine völlig neue Bibliothek aufgebaut werden mußte. Während das Hessische Bibliotheksinformationssystem HEBIS seinen Online-Routinebetrieb erst 1987 aufgenommen hatte und der verfügbare Datenbestand daher noch sehr gering war, stand im Nordrhein-westfälischen Bibliotheksverbund damals aber bereits eine große Datenmenge zur Online-Nutzung zur Verfügung (25). Insbesondere durch die in den Jahren zuvor neu aufgebauten Gesamthochschulbibliotheken, die ja alle Verbundteilnehmer sind, waren die Katalogdaten der üblichen Bibliographien, Nachschlagewerke, Lexika, Wörterbücher u. ä. in der HBZ-Datenbank bereits vorhanden und konnten von der Rheinischen Landesbibliothek einfach als Fremdleistung genutzt werden. Vergleichbares fehlte aber damals im Hessischen Bibliotheksinformationssystem HEBIS noch.
Da sich auch die Vertragsverhandlungen mit dem Hochschulbibliothekszentrum in Köln und dem zuständigen Ministerium in Düsseldorf äußerst positiv entwickelten, fiel Ende 1988 die Entscheidung zugunsten von Nordrhein-Westfalen. Unmittelbar danach wurde die notwendige Hardware beschafft, die Leitung nach Köln geschaltet und mit der Online-Katalogisierung begonnen. Damit war eine wichtige Grundlage geschaffen, um in der Rheinischen Landesbibliothek später ein lokales EDV-System installieren zu können (26).
Seinen Niederschlag fand diese Entscheidung in einer 1989 abgeschlossenen "Vereinbarung" zwischen der Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Kultusminister des Landes Rheinland-Pfalz über die Einbeziehung von wissenschaftlichen Bibliotheken im Regierungsbezirk Koblenz in den Nordrhein-westfälischen Bibliotheksverbund (27). - öffentlich bekanntgegeben wurde diese änderung der Leihverkehrszuordnung des Regierungsbezirks Koblenz erst mit der Veröffentlichung der "Leihverkehrsordnung für die deutschen Bibliotheken" im Gemeinsamen Amtsblatt der Ministerien für Bildung und Kultur und für Wissenschaft und Weiterbildung von Rheinland-Pfalz im Jahre 1992. Dort heißt es in der vorangestellten Verwaltungsvorschrift (28) unter 1.1: "Der Regierungsbezirk Koblenz wird mit Wirkung vom 1. September 1989 dem Zentralkatalog Nordrhein-Westfalen in Köln zugeordnet".
Vor der Eröffnung mußte auch noch ein weiterer Komplex geregelt werden, der bereits im Errichtungserlaß (29) vorgegeben war, nämlich die Definition der "Aufgaben einer Zentralbibliothek", die auf die Rheinische Landesbibliothek "für die Hochschuleinrichtungen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz gemäß den besonderen hochschulrechtlichen Vorschriften" zu übertragen waren.
Nach internen Abstimmungen mit allen Beteiligten und förmlichen Anhörungen der damaligen Erziehungswissenschaftlichen Hochschule (30) und der Fachhochschule Rheinland-Pfalz (31), erließ die Landesregierung am 19. Mai 1989 eine "Landesverordnung über die übertragung zentraler bibliothekarischer Hochschulaufgaben auf die Rheinische Landesbibliothek Koblenz" (32), die im Jahre 1994 (33) noch einmal präzisiert wurde.
Neben der Zusammenarbeit der Rheinischen Landesbibliothek mit den beiden Hochschulen in allen sie gemeinsam betreffenden bibliothekarischen Angelegenheiten (34), sind folgende zentrale Aufgaben auf die Rheinische Landesbibliothek übertragen:
- der auswärtige Leihverkehr
- die Vermittlung bibliothekarischer, insbesondere bibliographischer Informationen mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung und
- die Aufbewahrung und Bereitstellung wenig benutzter Literatur, die von den bibliothekarischen Einrichtungen an die Landesbibliothek abgegeben wird.
Diese besondere Rechtssituation findet selbstverständlich auch ihren Niederschlag im § 87 Abs. 4 des Hochschulgesetzes (35) und im § 76 Abs. 8 des Fachhochschulgesetzes (36) des Landes.
Nach Fertigstellung des Umbaus konnte dann im Oktober 1989 endlich das vorgesehene Dienstgebäude im Zentrum der Stadt Koblenz in der Hohenfelder Straße 16 bezogen werden, in dem sich die Bibliothek noch heute befindet (s. Abb.....). Auf ca. 3.100 qm Nutzfläche bietet das Gebäude in vier oberirdischen und zwei unterirdischen Geschossen Raum für den Betrieb einer neuerrichteten wissenschaftlichen Regionalbibliothek. Durch die Umbaumaßnahmen wurde aus einem Bürogebäude ein praktischer, übersichtlicher und benutzerfreundlicher Bibliotheksbau.
Im Erdgeschoß befindet sich hinter einem kleinen Foyer das Informationszentrum mit dem Bibliographischen Apparat, den Katalogen (37) und der Leihstelle. Im ersten und zweiten Obergeschoß sind der Lesesaal, der Freihandbereich, ein Zeitungsleseraum, aber auch die Benutzergarderoben, Kopiergeräte und die Informationsvermittlungsstelle. In diesen beiden Stockwerken sind ca. 70.000 Bücher und etwa 20.000 Zeitschriftenbände frei zugänglich aufgestellt. 66 Arbeitsplätze (38) sind über die beiden Geschosse verteilt.
Im dritten und vierten Obergeschoß befinden sich die Arbeitsräume für den internen Bibliotheksbetrieb, die Verwaltung und die Direktion. Das erste Untergeschoß und die Hälfte des vierten Obergeschosses bilden das geschlossene Magazin.
Nun konnte auch die feierliche Eröffnung der Bibliothek anberaumt werden. Am 5. März 1990 eröffnete der damalige Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Herr Dr. Carl-Ludwig Wagner, in einem Festakt, an dem zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und viele Kolleginnen und Kollegen aus Rheinland-Pfalz und den angrenzenden Bundesländern teilnahmen, die Rheinische Landesbibliothek und übergab sie ihren Benutzerinnen und Benutzern.
Die zunächst vorgesehene Personalentwicklung erlaubte der Bibliothek mit großzügigen öffnungszeiten, Sofortausleihe aller Bestände und umfassenden Dienstleistungen ihren Benutzungsbetrieb aufzunehmen. Die Rheinische Landesbibliothek konnte sich der öffentlichkeit damit als modernes Informationszentrum vorstellen, das für den gesamten Regierungsbezirk einen Beitrag zur Verbesserung der kulturell-wissenschaftlichen Infrastruktur leistet. - Neben den üblichen Dienstleistungen einer wissenschaftlichen Bibliothek richtete die Rheinische Landesbibliothek sofort einen Direktbestelldienst ein. So können insbesondere Wirtschaftsbetriebe, Handel, Industrie und Selbständige (ärzte, Anwälte usw.) formlos per Telefon, Telefax oder Post Bestellungen auf Bücher und Zeitschriftenaufsätze aufgeben, die gegen ein Entgelt direkt erledigt und auf jede gewünschte Weise dem Benutzer übermittelt werden.
Die Entwicklung der Benutzung zeigt bis heute, daß es richtig und notwendig war, im Norden des Landes Rheinland-Pfalz diese Bibliothek zu errichten. Die Zahl der Entleihungen ist seit der Eröffnung stetig gestiegen (39) und hat inzwischen mit jährlich ca. 200.000 Entleihungen einen Stand erreicht, der eindrucksvoll die Mehrfachfunktionen (Regionalbibliothek, Pflichtexemplarbibliothek, Hochschulbibliothek und Pädagogische Zentralbibliothek) der Rheinischen Landesbibliothek verdeutlicht.
Die enorme Belastung des Personals (40) wird ersichtlich, wenn man den in 10 Jahren erfolgten Bestandsaufbau von derzeit 375.000 bibliographischen Einheiten im Zusammenhang mit der Entwicklung des Orts- (41) und Fernleihaufkommens (42) (41) betrachtet.
Bereits 1991 wurde allerdings deutlich (43), daß die von der Landesregierung bei der Errichtung vorgesehene personelle Entwicklung nicht gehalten werden konnte. Dadurch geriet die Rheinische Landesbibliothek in immer größere Schwierigkeiten: auf der einen Seite stieg das Benutzungsaufkommen von Monat zu Monat (44) steil an, auf der anderen Seite aber stagnierte der weitere Personalaufbau.
Um einen Zusammenbruch des Dienstbetriebes zu vermeiden, wurde seit Ende 1991 mit höchster Priorität ein integriertes lokales EDV-System installiert. Die Entscheidung fiel für das System SISIS der Firma Siemens-Nixdorf (45) und in den Jahren 1992 bis 1994 wurden konsequent und unter großen Anstrengungen der Bediensteten alle verfügbaren Systemteile integriert. Zunächst lief der Online-Benutzerkatalog (OPAC), danach die Ausleihe (SIAS) und zuletzt die Erwerbung (SIERA). Lediglich die Katalogisierung erfolgt direkt in der Verbunddatenbank in Köln. Mit den beiden Systemkomponenten "SOFTCOPY" und "SIKMASS-FD"werden die Verbindungen zwischen dem Lokalsystem und dem Hochschulbibliothekszentrum in beiden Richtungen abgewickelt (46). Mit der Verbundanbindung und diesem lokalen System besitzt die Rheinische Landesbibliothek bis heute sehr gute Grundlagen, auf denen der gesamte Betrieb für Benutzer und Bibliothek sehr effizient und transparent abgewickelt werden kann.
Durch diese Umstellung auf ein integriertes lokales EDV-System ist es auch möglich geworden, die Bibliothek von außerhalb über Leitungsnetze zu benutzen. Dies ist sowohl für eine wissenschaftliche Regionalbibliothek als auch für eine Zentralbibliothek für mehrere Hochschulen an verschiedenen Standorten von großer Bedeutung. Seit Februar 1995 können Benutzer über Wählleitung mittels Modem bzw. ISDN von ihren dienstlichen oder privaten Telefonanschlüssen aus im Katalog- und Bestellsystem der Rheinischen Landesbibliothek recherchieren, bestellen, vormerken und verlängern. Für Benutzer aus Koblenz und der näheren Umgebung liegt das Bestellte dann zur Abholung bereit. Außerhalb dieses Bereiches erfolgt die Belieferung an die nächstgelegene wissenschaftliche oder öffentliche Bibliothek.
Von dieser Möglichkeit machen die öffentlichen Bibliotheken im Regierungsbezirk Koblenz (47) und zahlreiche Schulen im gesamten Lande regen Gebrauch und bestellen auf diese Weise die gesuchten Bücher direkt online. Inzwischen ist der Online-Benutzerkatalog auch im Internet unter einer WWW-Oberfläche (48) zu erreichen.
Aufgrund des Errichtungserlasses war klar, daß der Rheinischen Landesbibliothek auch die Aufgaben einer "Pflichtexemplarbibliothek für den Regierungsbezirk Koblenz" übertragen sind. Diesem Bereich wurde daher vom ersten Tage an größte Aufmerksamkeit geschenkt. Buchhandelspublikationen und Schrifttum außerhalb des Buchhandels, Tonträger, Musiknoten, Landkarten, Zeitungen, Microfiche- und elektronische Publikationen werden so vollständig wie nur irgend möglich gesammelt. Obwohl das derzeitige rheinland-pfälzische Pflichtexemplarrecht noch dem älteren Typus angehört (49) (Grundlage ist das Landespressegesetz mit speziellen Durchführungsbestimmungen (50)), richtete sich die Rheinische Landesbibliothek inhaltlich (51) stets nach den neueren speziellen Pflichtexemplargesetzen (52). Da die Bibliotheken in Rheinland-Pfalz bei der derzeitigen Rechtslage auf Antrag des Ablieferungspflichtigen eine Entschädigung in Höhe der Selbstkosten zahlen, gab es bislang auch keine Probleme bei der praktischen Durchführung dieser Sammelprinzipien. Die Veränderung der "Landesverordnung zur Durchführung des § 12 des Landespressegesetzes" zugunsten der Rheinischen Landesbibliothek erfolgte dann am 10. Juli 1992 (53).
Natürlich werden auch alle Möglichkeiten ausgeschöpft (Antiquariatsangebote, Auktionen, Nachlässe, Schenkungen usw.) um älteres Material (Pflichtexemplare vor der Gründung der Rheinischen Landesbibliothek) einzubeziehen. - Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten wird aber auch der Sammlung des allgemeinen älteren landeskundlichen Schrifttums über die Region große Aufmerksamkeit geschenkt. Beide Bereiche, die "Pflichtstücke" vor Errichtung der Rheinischen Landesbibliothek und das landeskundliche Schrifttum früherer Jahrhunderte werden aber selbstverständlich noch viele Jahrzehnte intensiver Sammeltätigkeit erfordern, bevor die Bestände jene Vollständigkeit erreicht haben werden, die anderenorts in wesentlich älteren Bibliotheken die Regel ist.
Trotzdem ist es in der kurzen Zeit bereits gelungen, zwei spätmittelalterliche Handschriften (54), vier Drucke aus der kleinen Offizin Rodler des Pfalzgrafen Johann II. von Pfalz-Simmern (55) , den ältesten bisher bekannten Koblenzer Druck (56), sowie zahlreiche Werke des 18. und des 19. Jahrhunderts zu erwerben (57). Zu letzteren zählen auch die Reiseführer aus dem Verlag Baedeker, soweit sie aus der Zeit stammen, in der der Verlag seinen Sitz in Koblenz (1827 - 1871/72) hatte. Durch einen glücklichen Umstand wurde jüngst auch eine sehr umfangreiche Privatsammlung von Rheinalben des 17. bis 19. Jahrhunderts übernommen. - Neben diesem gedruckten Schrifttum konnte auch inzwischen eine ansehnliche Anzahl von Autographen erworben werden, die von Persönlichkeiten aus der Region stammen oder zur Region in einem inhaltlichen Bezug stehen (58). Insgesamt wurden bis heute für diesen Bereich gut 1300 Drucke und mehr als 500 Handschriften erworben.
Als die Landesregierung 1990/91 entsprechende Haushaltsmittel für die Herausgabe einer regelmäßig erscheinenden Rheinland-Pfälzischen Bibliographie (59) bereitstellte, wurde die Rheinische Landesbibliothek mit der Zentralredaktion beauftragt. Gemeinsam mit dem Institut für Informatik der Universität Koblenz-Landau (60) wurden die EDV-Abläufe entwickelt bzw. angepaßt (61). Bisher sind fünf Bände für die Berichtsjahre 1991 bis 1995 erschienen (62). Alle Bände der Rheinland-Pfälzischen Bibliographie werden seit Mitte 1996 auch im Internet angeboten (63).
Mit den "Schriften der Rheinischen Landesbibliothek" (64) sollen besondere Erwerbungen in zwangloser Folge einer breiteren öffentlichkeit vorgestellt werden.
Der raschen Entwicklung im Bereich der elektronischen Informationsvermittlung folgend, konnte 1994 ein CD-ROM-Netz in Betrieb genommen werden, auf das - soweit es lizenz-rechtlich möglich ist - auch von außerhalb über Leitungsnetze zugegriffen werden kann. Seit Mitte 1996 sind in der Bibliothek außerdem zwei öffentliche Internetarbeitsplätze in Betrieb.
Zu den Problemen beim personellen Aufbau der Rheinischen Landesbibliothek (65) kamen zunehmend auch Raumprobleme. Schon beim Abschluß des Mietvertrages für das Dienstgebäude war klar, daß für den Buchbestand bald weiterer Platz geschaffen werden müsse. Nachdem sich eine zunächst vorgesehene Ausdehnung in den unmittelbar angrenzenden Hochhauskomplex zerschlug, mußte schon Mitte 1991 ein externes Ausweichmagazin angemietet werden. Inzwischen befinden sich dort gut 60 % des gesamten Buch- und Zeitschriftenbestandes. Für eine im Aufbau befindliche Bibliothek mit unzureichender Personalausstattung ist dies natürlich ein besonderes Erschwernis. Mittlerweile sind aber auch die Benutzungseinrichtungen (66) und der Freihandbestand viel zu klein, so daß eine Standortverlegung der gesamten Bibliothek unabdingbar ist und auch unmittelbar bevorsteht.
So bleibt zu hoffen, daß die Rheinische Landesbibliothek zehn Jahre nach ihrer Gründung ein anderes, aber zentral gelegenes und für einen Bibliotheksbetrieb geeignetes Gebäude ausreichender Größe erhält, um wenigstens eine räumliche Entwicklungsperspektive für die Benutzer und den Buchbestand zu haben. Nur so kann die Bibliothek dauerhaft den Leistungsstand halten und den verschiedenen Benutzergruppen die benötigten Informationen rasch zur Verfügung stellen. Offen bleibt derzeit leider, wann die Landesregierung in der Lage sein wird, der Rheinischen Landesbibliothek auch die personelle Mindestausstattung zuzugestehen, die anderenorts - im Lande und darüber hinaus -bei vergleichbaren Bibliotheken vorhanden ist.
Weitere Entwicklung der Rheinischen Landesbibliothek seit Veröffentlichung dieses Artikels (1998)

Editor: Webmaster letzte Änderung am 11.06.2001